WordPress polarisiert wie selten zuvor. Welche Pauschalkritik unfair ist, wo die Software wirklich Schwächen hat — und warum der Abo-Wandel Kunden bald spürbar trifft.
Marcel Pötschke
Freiberuflicher Webentwickler
WordPress ist 2026 polarisierender denn je. In manchen Entwickler-Kreisen gilt es als rückständige Software, die niemand mehr ernsthaft einsetzen sollte. Bei vielen Agenturen ist es nach wie vor die Standard-Antwort auf jede Anfrage. Beides wird der Realität nicht gerecht.
Mehr als 40 Prozent aller Websites laufen mit WordPress — von kleinen Vereinsseiten bis zu Magazinen wie TechCrunch oder Vogue. Solche Verbreitung erreicht keine Software, die nichts taugt. Gleichzeitig haben sich rund um WordPress Praktiken etabliert, die echte Probleme verursachen: Page-Builder-Lock-in, Plugin-Wildwuchs, ein wachsender Abo-Druck. Dieser Artikel räumt mit fünf Pauschal-Vorurteilen auf — und benennt zwei Trends, die kein Mythos sind, sondern reale Entwicklungen, die Sie als Website-Betreiber kennen sollten.
Die Software selbst ist tatsächlich Open Source und kostenlos. Aber eine professionell betriebene WordPress-Seite ist es nicht — und wer mit dieser Erwartung startet, wird überrascht.
Realistische monatliche Kosten für eine kleine Geschäfts-Website:
Macht in Summe 60–185 € pro Monat für eine ernsthaft betriebene Seite. Das ist nicht teurer als andere Lösungen — aber „kostenlos“ ist es eben nicht. Wer mit dem Versprechen einsteigt und nach dem ersten Jahr die echten Kosten sieht, fühlt sich zu Recht überrumpelt.
Der WordPress-Core ist eine der am gründlichsten geprüften Code-Basen im Web. Sicherheits- lücken werden in der Regel innerhalb weniger Tage gepatcht, automatische Minor-Updates sind seit Jahren Standard. Das eigentliche Problem liegt fast nie im Core.
Schaut man sich die jährlichen Auswertungen großer Security-Anbieter an, gehen über 90 Prozent aller erfolgreichen Angriffe auf WordPress-Seiten auf das Konto von veralteten oder nachlässig programmierten Plugins und Themes. Eine Seite mit 25 installierten Plugins, von denen drei seit zwei Jahren nicht mehr aktualisiert wurden, ist verwundbar — aber nicht wegen WordPress.
Eine WordPress-Seite ist ungefähr so sicher wie ihre am schlechtesten gewartete Erweiterung. Wer Plugins regelmäßig aktualisiert, ungenutzte deinstalliert und auf bekannte, aktiv gepflegte Anbieter setzt, hat ein vernachlässigbares Risiko.
Eine sauber konfigurierte WordPress-Seite mit ordentlichem Hosting, einem schlanken Theme und sinnvollem Caching erreicht Ladezeiten unter einer Sekunde. Das ist messbar, nicht Marketing.
Was WordPress-Seiten in der Praxis langsam macht, ist fast immer dasselbe Muster:
Keiner dieser Punkte ist „WordPress“. Es sind Entscheidungen rund um WordPress, die das Ergebnis prägen. Eine bewusst aufgesetzte Seite ist schnell — eine zusammengeklickte ist es nicht.
Page Builder versprechen, dass Sie Ihre Seite ohne Programmierkenntnisse zusammenbauen. Das stimmt — und gleichzeitig handeln Sie sich damit drei Probleme ein, die meist erst später sichtbar werden.
Lock-in: Inhalte, die in einem Page Builder erstellt wurden, lassen sich nicht ohne Weiteres in einen anderen umziehen. Wer von Elementor zu einem leichtgewichtigen Block-Theme wechseln möchte, baut die Seiten in der Praxis neu. Das ist kein Bug — es ist Geschäftsmodell.
Performance: Page Builder produzieren generischen HTML- und CSS-Output, der für jede denkbare Konfiguration vorbereitet sein muss. Das Ergebnis ist messbar schwerer als handgeschriebener Code für denselben sichtbaren Inhalt.
Pflegeaufwand: Komplexe Builder werden bei Updates regelmäßig zur Fehlerquelle. Themes und Builder müssen kompatibel bleiben, jedes größere Plugin-Update kann Layouts brechen. Das verschiebt Aufwand vom Bau in den laufenden Betrieb.
Für eine kleine Vereinsseite, die einmal eingerichtet wird und dann fünf Jahre läuft, kann ein Page Builder genau richtig sein. Für eine Geschäftswebsite, die regelmäßig wächst, ist es selten die günstigste Variante über die Lebensdauer.
Diese Kritik stammt aus der Zeit, als WordPress tatsächlich primär eine Blog-Software war — also vor etwa 2015. Heute ist sie obsolet.
WordPress betreibt Online-Magazine mit Millionen Lesern, Online-Shops mit WooCommerce, Lehrplattformen, Mitgliederbereiche, Behördenseiten, Buchungs- und Eventportale. Ob das in jedem Fall die beste technische Wahl ist, lässt sich diskutieren — aber „nicht geeignet“ ist es offensichtlich nicht. Wer sich nach diesem Vorurteil entscheidet, schließt eine real funktionierende Option ohne sachlichen Grund aus.
Bis vor wenigen Jahren konnten Sie für viele Premium-Plugins eine einmalige Lifetime-Lizenz erwerben. Das ist 2026 für die wichtigsten Anbieter Vergangenheit.
Das ist kein WordPress-spezifisches Phänomen — die gesamte Software-Branche bewegt sich in diese Richtung. Aber es heißt, dass die Rechnung „einmal kaufen, dauerhaft nutzen“ für eine WordPress-Seite kaum noch aufgeht. Wer sechs Premium-Plugins einsetzt, hat schnell laufende Lizenzkosten von 600–1.200 € pro Jahr. Das ist verkraftbar, sollte aber bewusst eingeplant werden.
Ende 2024 ist ein öffentlicher Streit zwischen Matt Mullenweg, dem Gründer von WordPress und Geschäftsführer von Automattic, und dem großen Hosting-Anbieter WP Engine eskaliert. Mullenweg sperrte WP Engine zeitweise von zentralen WordPress.org-Diensten aus, einzelne Plugin-Repositories wurden ohne Vorwarnung übernommen, und ein Großteil der WordPress- Community begann, die Frage zu stellen, wie unabhängig das Projekt eigentlich noch ist.
Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt, aber das Vertrauen in eine klare Trennung zwischen Open-Source-Projekt und kommerziellem Anbieter Automattic ist beschädigt. Für Endkunden bedeutet das nicht: „WordPress nicht mehr nutzen“. Es bedeutet: nicht alle Eier in einen Korb legen. Konkret heißt das, eine WordPress-Seite so aufzusetzen, dass sie bei Bedarf zu einem anderen Hoster oder einer anderen Plugin-Auswahl umziehen kann, ohne komplett neu gebaut werden zu müssen.
Ich betreue WordPress-Seiten als Care-Leistung gerne weiter und halte sie sauber, schnell und aktuell. Wenn jemand neu bei mir aufschlägt und eine bestehende WordPress-Seite hat, rate ich in den meisten Fällen gegen einen Plattform-Wechsel — der bringt Aufwand, ohne dass das eigentliche Problem gelöst wäre.
Bei Neubauten frage ich anders herum: Was muss die Seite leisten, wer pflegt die Inhalte, wie viele Seiten kommen pro Jahr dazu? WordPress ist eine sinnvolle Wahl, wenn jemand im Unternehmen regelmäßig neuen Content einpflegt und dafür ein vertrautes Backend braucht. Es ist eine schlechte Wahl, wenn die Seite primär Marketing-Visitenkarte ist, sich kaum ändert und maximal performant sein soll — dort spielen moderne Stacks ihre Stärken aus.
Die ehrliche Antwort lautet meistens: Es kommt drauf an. Pauschal-Empfehlungen helfen weder pro noch contra WordPress weiter — und wer sie ausspricht, verkauft eher die eigene Spezialisierung als eine Lösung für Ihren Fall.
Ich schaue mir Ihre bestehende Seite an: Welche Plugins können raus, wo gibt es Performance-Reserven, lohnt sich Pflege oder eher ein Neubau? Klare Einschätzung, ehrliche Empfehlung — auch wenn die lautet, dass alles in Ordnung ist.